Es war unser bisher größtes Abenteuer als Filmproduktion. Eine Reise ins Ungewisse. Ins tiefste Russland. Auf eine Insel mitten im Pazifischen Feuerring. Onekotan liegt 400 Kilometer vor der Küste Kamtschatkas. Irgendwo im Nirgendwo. Aber wir wollten da unbedingt hin. Für unser großes Abenteuer. Um Ski zu fahren wo noch niemand zuvor Skigefahren ist. Auf einem Vulkan in einem Vulkan.

Behind the scenes: Auf einer Insel...in einer Insel.

18 Tage verbrachte unser Team bei teilweise gefühlten -40° Celsius und unaufhörlichen Schneestürmen auf einer verlassenen Insel im Pazifischen Feuerring zwischen Kamtschatka und Hokkaido. Wie das Projekt "Onekotan" hinter der Kamera ablief, was man wissen und können muss um den widrigen Bedingungen zu trotzen und warum man überhaupt auf die Idee für eine solche Unternehmung kommt, das erzählt euch Regisseur und Kameramann Simon Thußbas am besten selbst...

Simon Thussbas auf dem Boot

Ber der Überfahrt von Petropavlowsk nach Onekotan

 

Warum eigentlich?

Servus miteinander - vorneweg gleich mal zu der wahrscheinlich interessantesten Frage: "Warum zur Hölle macht man sowas eigentlich?" Für mich persönlich kann ich sagen, dass es die Kombination aus Aktion und Location war, die den Reiz des Projekts ausmachte. Ganz ehrlich - Skifahren an einem der entlegensten Orte der Welt, abertausende Kilometer entfernt von daheim, hunderte Kilometer außerhalb jeglicher Zivilisation, auf einem Vulkan in einem Vulkan, dort wo noch nie zuvor ein Mensch mit Brettern unter den Füßen unterwegs war...Jeder der auch nur einen klitzekleinen Mini-Abenteurer in seinem Kopf rumspringen hat weiß, dass es da nicht viel zu überlegen gab ;-)

Simon im Aufstieg mit Rossingol Splitboard

Auf dem Weg zurück in Camp 2 - sichtlich erschöpft!

 

Aber das war zugegebenermaßen nicht der einzige Grund für die Entscheidung das Projekt anzutreten. Schon zu einem relativ frühen Zeitpunkt in der Projektentwicklung war klar, dass das Red Bull Media House mit an Bord sein würde. Für die Mischfabrik als junges, aufstrebendes Filmteam gab es natürlich schlechtere Dinge als die Gewissheit, dass eine unserer eigenen Produktionen/Konzepte sämtliche Ebenen im Haus der weltweiten Nummer Eins in Sachen Extremsport-Coverage duchlaufen würde. Ein bisschen Aufmerksamkeit bei unseren direkten Nachbarn in Salzburg würde sicherlich nicht schaden...

 

Was wir nicht bedacht haben...

Klar haben wir versucht uns peinlich genau und möglichst lückenlos vorzubereiten. Klar wussten wir auch, dass nicht alles geplant werden kann. Aber eine wirklich wichtige Sache hätten wir fast übersehen - nämlich die Kombination aus professionellem Filmequipment und Zollkontrollen. Sobald man eine Filmproduktion in einem "Nicht-EU-Land" durchführen möchte und das dafür vorgesehene Equipment von zuhause mitbringt, gibt es da eine winzig kleine Hürde namens "Carnet ATA" die gemeistert weren muss.

Um das Thema übersichtlich zu halten und keinen Mist zu verzapfen hier eine kurze Definition aus Wikipedia: "Ein Carnet ATA ist ein von 75 Ländern, darunter alle Staaten der EU, vertraglich anerkanntes Dokument, das die Abfertigung beim Zoll für die vorübergehende Einfuhr von Waren in ein Land vereinfacht und beschleunigt. Der entscheidende Vorteil dieses Verfahrens gegenüber einer temporären Einfuhr außerhalb des ATA-Verfahrens ist, dass für die eingeführten Waren keine Einfuhrabgaben in den dem Verfahren angeschlossenen Drittländern zu entrichten sind."

Auf Deutsch: Man muss sein Equipment bei Einfuhr in ein anderes Land nicht neu versteuern und spart sich gut Kohle bzw. einen Haufen Aufwand, diese doppelt entrichteten Steuern hinterher wieder zurückzubekommen...

Hört sich doch gut an, oder? Gäbe es da nicht den Haken, dass in diesem Dokument JEDES, wirklich jedes noch so kleine Teil des Equipments angegeben, gewogen sowie mit einer Seriennummer und einem monetären Zeitwert versehen werden muss. Jedes Teil!!! Genau genommen also auch Kabel und Akkus! Bei insgesamt an die 300 Kilogramm Filmequipment braucht man sich dann mitsamt dem üblichen Bürokratenkram und einer Fahrt zur IHK nach München nicht wundern, wenn dieses lustige Verfahren insgesamt mehr als 40 Stunden Arbeitszeit in Anspruch nimmt und man am Ende 14 Stunden vor Abflug in München mit der Carnet-Eröffnung am Grenzübergang Bad Reichenhall steht und kurz vor Feierabend dringend auf die Gutmütigkeit der Beamten angewiesen ist - da geht einem die Düse, glaubt mir!

Auch wenn er es bestimmt nicht liest: an dieser Stelle mal ein riesieges Dankeschön an den wohl einzigen Beamten dieses Planeten, der freiwillig Überstunden für uns geschoben hat, um unseren Antrag doch noch rechtzeitig fertig zu bekommen...einen Labeldrucker zur Erstellung fiktiver Seriennummern haben sich wahrscheinlich auch noch nicht so viele bei ihm ausgeliehen ;-)

Aber dann war es endlich geschafft. Das Abenteuer konnte beginnen...

Petropavlowsk

Mit der Sony FS700 in Petropavlowsk

 

Was hinter der Kamera passiert:

Abenteuer bedeutet für mich immer den Weg ins Unbekannte zu wagen. Man weiß nie was als nächstes passieren wird und muss auf alle Gegebenheiten vorbereitet sein...und als Kameramann schleppt man zusätzlich noch mindestens das 3-fache Gewicht an Equipment mit sich herum als man das unter normalen Umständen tun würde. Es war ehrlich gesagt gar nicht so einfach mit den anderen schrittzuhalten und nebenbei noch brauchbare Aufnahmen für den Film zu produzieren. Wegen den weiten Strecken, die wir auf der Insel zurücklegen mussten war es zeitlich nicht immer möglich extra für die Filmaufnahmen stehenzubleiben und mit Regieanweisungen um mich zu schmeißen - da hätten mich die anderen wahrscheinlich gelyncht. Ich musste für meine Aufnahmen also oft Vorsprünge herauslaufen oder Rückstände wieder aufholen. Das war ganz schön anstrengend...

In Sachen Anstrengung waren auch die ganzen Anstiege und Abwärtspassagen mit dem Expeditions-Equipment extrem anspruchsvoll, wahrscheinlich das Kraftraubendste während unserer gesamten Zeit auf der Insel. Wir waren ein gutes Team, aber ab und zu hab ich mir dann doch den ein oder anderen bösen Blick eingefangen, wenn ich mich in einer anstrengenden Passage hinter die Kamera verzogen habe und der Rest der Crew die Schlepperei erledigen musste. Aber hey - ich bin ja schließlich auf die Insel gefahren, um einen Film zu machen ;-)

Onekotan Kaldera

Timelaps des Vulkanes

 

Vielleicht haben wir in Sachen Equipment tatsächlich ein bisschen übertrieben: Wir hatten fünf Filmkameras, zwei Fotokameras, zwei Drohnen, zehn Objektive sowie diverse Steady-Cams & Stative dabei. Also eigentlich genug um zwei Filme zu produzieren. Für die Stromversorgung des gesamten Equipments war zusätzlich eine vollgeladene Autobatterie dabei. Außerdem brachten wir noch einen kleinen Diesel-Generator mit auf die Insel, der aber nicht allzu gut funktionierte. Wir hatten vorsorglich einfach eine Menge Batterien im Gepäck – das hat uns extrem geholfen, weil wir nicht davon abhängig waren ständig Akkus aufzuladen und uns die Probleme mit dem Generator so nicht allzu viel ausgemacht habe. Am Ende haben wir dann doch jedes Teil, das wir dabei hatten einmal benutzt und zum Beispiel auch eine Drohne und ein Stativ zerstört. Die Insel hat einiges an technischem Equipment "eingefordert". Da war das Back Up also nicht verkehrt. "Auf alle Gegebenheiten vorbereitet sein" und so...

Wer sich jetzt fragt, wie man Kamera-Akkus mit einer Autobatterie lädt: Das Zauberwort heißt "Spannungswandler". Sieht im Prinzip aus wie zwei halbe Starterkabel, die in eine längliche 0815-Steckdose münden. Dieses Teil regelt die Aussgangsspannung der Autobatterie so, dass sie die Ladegeräte mit der gewohnten Spannung versorgt. Im Vorhinein habe ich noch grob ausgerechnet, wieviele Akku-Ladungen ich mit einer voll geladenen Autobatterie erreichen kann...et voila.

Simon seine Haare im Wind

Der Wind so stark, dass man gerade noch stehen konnte

Onekotan Krater

Timelaps vom Vulkan

 

Die Insel - Do's and Dont's:

Das einzige wirkliche "Don't" auf der Insel war eigentlich der Kälte geschuldet. Beziehungsweise der Kombination aus Kälte, Luftfeuchtigkeit und Wind. Bei den vorherrschenden Bedingungen durften wir nie, wirklich nie nackte Haut an die Luft bringen. Ja ich weiß, Hauni springt im Film, nachdem wir unser Expeditionsziel erreicht haben nackt ins Meer zum Baden...aber das war auch mit Abstand der schönste Tag während unserer Zeit auf der Insel und die Bedingungen waren vergleichsweise "sommerlich" ;-) Mal im Ernst, wenn man nur einen einzigen Quadratzentimeter Haut nicht mit den entsprechenden, wetterfesten Klamotten bedeckt, friert er bei diesem Bedingungen sofort ein. Bei 100km/h Wind fühlen sich die -10° bis -15° Celsius schnell wie -40° oder -50° Celsius an. Es ist einfach „schweinekalt“ und man muss wirklich aufpassen, dass keine blanke Haut direkt dem Wetter ausgesetzt ist. Erst im Januar 2016 waren wir wieder mal so "blöd" und haben in Obertauern ein paar Minuten mit bloßen Händen bei -10 Grad und Sturm gedreht. Wenn die tauben Hände dann anschließend im Handschuh wieder auftauen und sich anfühlen als würde man sie direkt in offenes Feuer halten weiß man wieder warum man sowas eigentlich nicht machen sollte...

Ein klares "Do" dagegen war es, dass ich mir im zweiten Camp einfach ein Iglu gegraben habe anstatt im Expeditionszelt zu pennen. Einerseits wäre ein Zwei-Mann-Expeditionszelt für mich und mein Equipment zu eng geworden und im Iglo hatte ich mein eigenes kleines Reich, in dem ich mir auch mal eine Minuten für mich und ein bisschen Ruhe gönnen konnte. Der wirkliche Vorteil war aber, dass ich im Iglu nicht der im Zelt gegebenen Luftfeuchtigkeit ausgesetzt war und so das ganze Kameraequipment beim reinigen und vorbereiten nicht beschlagen hat.

Simon Thussbas im Iglu auf Onekotan

Mein selbstgegrabenes großes Iglu

 

Ein weiteres klares "Do" habe ich leider erst während des Trips kennengelernt. Zwar ist es total logisch, aber irgendwie habe ich vorher nicht dran gedacht und erst den Tipp von Phil Meier, unserem "alten Hasen" und Expeditionsexperten gebraucht: Egal wie lange ihr auf einer solchen Expedition unterwegs seid - nehmt für jeden Tag ein frisches paar Socken mit! Kalte, feuchte Füße sind definitv keine Option die Spaß macht...

 

Der letzte Akt - Drama vom Feinsten:

Irgendwie war und bin ich noch bis heute zwiegespalten über das Ende unseres Abenteuers. Bekanntlich mussten wir ja mit einigem Aufwand von einem Helikopter mit Spezialtanks ausgeflogen werden, weil die Herren auf ihrem Schiff gemeint haben der Wellengang wäre ihnen zu hoch um anzulanden. Als uns das Schiff nicht wieder aufnehmen wollte habe ich mir gedacht: „Wie können die das machen? Wir haben schon dafür bezahlt, dass sie uns zurückbringen!“ Dann habe ich mir darüber Gedanken gemacht wie es wäre einige Wochen länger auf der Insel zu bleiben…Wäre es gefährlich? Wie gefährlich wäre es? Wäre es vielleicht sogar cool für den Film?

Gerettet im Helikopter 

Endlich gerettet -  im Helikopter auf dem Weg heim

Mir war dann schnell klar, dass das ein wichtiger Teil des Filmes sein würde und habe mich voll auf die filmische Umsetzung konzentriert und die Organisation dem Rest des Teams überlassen. Habe mich also quasi "ausgeklinkt". Aber vorher musste ich das ganze Equipment wieder auspacken, dass für die Heimreise schon wieder "reisefest" in den Koffern verstaut war...

Die Entscheidung der Schiffscrew hatte also im Endeffekt auch irgendwie etwas gutes - abgesehen natürlich von den enormen Kosten, die mit der Helikopterbergung verbunden waren: Wir hatten ein weiteres dramaturgisches Highlight für das Ende des Films, mit dem so wahrscheinlich niemand unter den Zuschauern rechnen würde...und der Blick zurück aus dem Heli, auf die Insel, die uns in den 18 Tagen zuvor so viel abverlangt und doch auch so viel gegeben hat, war ein würdiger Abschluss unsers Abenteuers!

 

Cheers, Simon

 

P.S. Kurz nach der Ausstrahlung auf ServusTV erreichte uns eine Email eines Zuschauers, der Ende der 90er Jahre selbst auf Onekotan gewesen ist. Folgender Ausschnitt hat uns auch knapp 10 Monate nach unserem Aufenthalt noch ordentlich zusammenzucken lassen...
"[...] Ihr hattet Glück, euer Camp in der Mussel-Bucht stand auf diversen Granaten, von denen wir 1998 etliche TNT-Plättchen als Brandbeschleuniger für zu nasses Brennholz eingesetzt haben! [...]"

Puh...

Hier noch ein kurzes Making Of Video

MAKING OF von ONEKOTAN - The Lost Island

Dokumentation

 

Wer den Film noch nicht gesehen hat kann ihn sich hier anschauen:

https://vimeo.com/ondemand/onekotandeutsch